Über das "Person-Sein"

Zeitdokument 15 // Die Argumente pro Abtreibungstötung haben sich in den letzten Jahren gewandelt.

Die Argumente pro Abtreibungstötung haben sich in den letzten Jahren gewandelt. In den siebziger und achtziger Jahren standen Aussagen wie "Das ist noch kein Mensch" und vorgeschobene Argumente wie "Hunger in der Welt" und "Überbevölkerung" im Vordergrund. Heute kann niemand mehr ernsthaft bestreiten, dass menschliches Leben von der Empfängnis an existiert, es "den Hunger" in der Welt so nicht gibt und das herbeigeredete Problem der Überbevölkerung durch Gewalt, durch Töten nicht gelöst werden kann. Im Vordergrund steht heute das krampfhafte Verteidigen der "Entscheidungsfreiheit der Frau" und das Verdrängen der Fakten und Tatsachen. Dabei ist das "Person-Sein" zu einem Schlüsselbegriff geworden, mit dessen Hilfe man den nicht endenwollenden Konflikt um die Abtreibungstötung ebenso in den Griff bekommen will wie die Debatte um die Euthanasie und den sog. "Hirntod".                            

 H. W. Ramm

 

Die Geschichte lehrt uns, dass wir aus der Geschichte nichts lernen.

Wie anders ist es zu erklären, dass sich in der Weltgeschichte bestimmte Dinge und Entwicklungen immer wieder wiederholen?

  • So behauptete man im letzten Jahrhundert, dass Schwarze, die versklavt wurden, keine richtigen Menschen wären, in diesem Jahrhundert, dass die Juden, die ausgerottet wurden, keine richtigen Menschen wären, dass die Christen, die über die Jahrhunderte verfolgt wurden, aus der Sicht ihrer Verfolger keine richtigen Menschen waren.
  • So behauptet man in unseren Tagen, dass die unzähligen Kinder, die durch Abtreibung getötet werden, keine richtigen Menschen seien, dass ihnen das Person-Sein fehle.

Es stellen sich daher Fragen:

Ist das Ungeborene genetisch/biologisch ein Mensch?

Die Antwort lautet: Ja!

  • Ist das Ungeborene eine Person?
  • Ist das Neugeborene eine Person?
  • Ist der Schwerstkranke eine Person?
  • Ist der Hirntote eine Person?
  • Ist der Wachkomapatient eine Person?
  • Ist der Nichtarier eine Person?
  • Ist der Sklave eine Person?
  • Sind sie nur biologisch Mitglied der Spezies Mensch?
  • Hat ein ungeborenes oder neugeborenes Kind nur die Anlage zum Person-Werden?
  • Darf man Menschen, die nicht mehr als Personen gelten, töten, wenn ihr Tod für andere nützlich ist (z. B. als Organlieferanten)? Was ist, wenn jemand kommt und behauptet: "Für mich ist das keine Person"?

Weil es immer mehr Menschen ins Nützlichkeitsdenken paßt, werden alle menschliche Erfahrung und kulturelle Entwicklung ignoriert. Das macht leider Schule. Man stellt willkürliche Kriterien auf - "die mir wichtig sind" - gleich einem Raster, durch den diejenigen fallen, die hindurchfallen sollen.

Hier als Beispiel die Theorie von der Amerikanerin Mary Ann Warren. Für sie ist wichtig:

1. Bewußtsein:  Objekte und Gegenstände außerhalb und innerhalb seiner selbst wahrzunehmen, speziell die Fähigkeit, Schmerz zu fühlen.

2. Überlegen:  Die ausgebildete Fähigkeit, neue und relativ komplexe Probleme zu lösen.

3. Aktivität  aus eigenem Antrieb.

4. Mitteilungen  aller Art und Aussendung von Botschaften.

5. Selbstbilder:  Vorhandensein von Selbstbildern und Bewußtsein seiner selbst, als Einzelwesen oder Rasse. 

Mary Ann Warren gibt zu, dass damit der Begriff Person nicht voll umschrieben ist, das sei aber unerheblich. Wieder andere Kriterien enthalten die Theorien des Bioethikers Peter Singer (Kernpunkt: Vernunft und Bewußtsein seiner selbst), Joseph Fletschers (Kernpunkt: ein Minimum an Intelligenz, Selbstwahrnehmung, Selbstbeherrschung, Zeitgefühl, Neugier usw.) oder Michael Tooleys (Kernpunkt: Fähigkeit, Freude und Schmerz zu empfinden, Wünsche zu äußern, sich der Sprache zu bedienen).


Mary Ann Warren schreibt:

"Um unsere Behauptung zu erhärten, dass ein Fötus keine Person ist, brauchen wir lediglich zu zeigen, dass ein Wesen, das keine der obigen Bedingungen (1 - 5) erfüllt, sicherlich nicht Person ist. Ich halte diese Behauptung für so einleuchtend, dass ich glaube, dass jeder, der sie bestreitet und die Meinung verfolgt, dass ein Wesen Person sein kann, auch wenn es keine der unter 1 - 5 aufgestellten Bedingungen erfüllt, dass ein solcher Mensch nur unter Beweis stellt, dass er keine Ahnung davon hat, was Person-Sein ist - vielleicht weil er die Begriffe Person-Sein und genetisches Menschsein nicht auseinanderhalten kann." (Warren 1973)

Nach Warren ist also der Fötus nur im genetischen Sinn ein Mensch. - Ein Fötus ist also im philosophisch/sittlichen Sinn kein Mensch. - Also darf man ihn töten, ebenso ein Neugeborenes, wenn die Eltern es nicht haben will. 


  

Person-Sein und Person-Verhalten

Eine Person in tiefem Schlaf zeigt kein personales Verhalten, wie es in Punkt 1 - 5 aufgelistet ist. Ein Fötus kann sich noch nicht als Person verhalten, aber er hat all diese und mehr Merkmale in sich angelegt. Der Schlafende und das Ungeborene verhalten sich derzeit nicht als Person! Beide werden es aber tun! Es ist nur eine Frage der Zeit! Warum soll der eine als richtige Person gelten, weil bei ihm die Zeit kurz ist (relativ - Wachkoma), der andere aber nicht, weil es noch längere Zeit braucht.

Ich bin ein Wesen, das sich als Person verhalten kann. Vor vielen Jahren war ich ein kleines Neugeborenes und davor ein noch kleineres Kind im Schoß meiner Mutter. Meine Möglichkeiten haben sich vermehrt, weil sich die mir innewohnende Fähigkeit des Personverhaltens entwickelt hat; aber ich bin dieselbe Person geblieben. 


   

Nur als Person entwickle ich die Fähigkeit des Personverhaltens.

Die grundlegende Realität ist also das Person-Sein. Das personale Sein ist moralisch entscheidend, nicht das Personverhalten. Der derzeit schlafende Erwachsene ist derselbe, der einst ein Embryo und eine Zygote war. Es herrscht direkte Kontinuität!

Die Zygote hat die wesentliche Struktur für diese Grundlage; eine Struktur, die sich entfalten, wachsen, sich entwickeln und reifen wird, was seine Zeit braucht. Das zygotische Ich kann noch nicht richtig atmen, aber es hat die unentwickelte Fähigkeit zum Atmen. Dieses zygotische Ich kann auch nicht denken oder lieben wie ein Erwachsener, aber es hat eindeutig die unentwickelte Fähigkeit dazu. Ein Wesen am Anfang seiner Entwicklung kann unmöglich schon im Besitz dessen sein, was es erst durch diese Entwicklung erlangen soll. Es ist bereits derjenige, der später als Person funktionieren wird. Auch der Schlafende ist ein Wesen, das sich später als Person verhalten wird.

Auch ein Behinderter (ob körperlich oder geistig) hat dasselbe Person-Sein wie wir, die wir das Glück haben, kein so schweres Leid tragen zu müssen.

Ist der Erwachsene im tiefen Schlaf eine Person? - Dürfte man ihn töten?

Der Unterschied liegt also nur in der Länge und der Art des Schlafes! Weil man über den Anfang des Person-Verhaltens nichts Konkretes weiß, sollte man nicht behaupten, dass Aussagen über den Anfang des Person-Seins unmöglich sind.

Es könnte personbegabte Wesen geben, die keine Menschen sind, etwa die Bewohner eines entfernten Planeten, die möglicherweise denken, entscheiden, Dankbarkeit fühlen können usw. Sie wären zwar Personen, aber keine Menschen. Engel sind zwar Personen, aber keine Menschen. Es ist also nicht jede Person notwendigerweise auch Mensch.

Aber jeder Mensch ist Person!

"Mensch" bezeichnet in seiner vollen Bedeutung ein Wesen, dessen Natur es ist, Person zu sein, gleichgültig ob diese Fähigkeit entwickelt oder blockiert ist. Es gehört zur Natur des Menschen, Person zu sein.

Wenn wir einen anderen lieben, dann umfaßt unsere Liebe den gesamten Menschen, nicht nur seine Rationalität oder seine Fähigkeit zum Person-Verhalten. Wir lieben seine individuelle Art des Seins, die sich auf viele Weisen ausdrückt, z.B. durch Gesten, Gesichtszüge, den Klang seiner Stimme, den Ausdruck seiner Augen usw. Wenn jemand, den ich liebe, in Vollnarkose liegt, ist er immer noch derselbe, der ganze Mensch.

Diese Bioethiker begehen den Fehler, den Menschen als bloß biologische Kategorie anzusehen, weil sie davor einen anderen, noch grundsätzlicheren Fehler gemacht haben, nämlich Person mit Personverhalten zu verwechseln.

Wenn man den Begriff Person von dem Begriff Mensch trennt, dann bleibt tatsächlich nur eine biologische Gattung übrig.

Eine potentielle Person gibt es nicht, wohl aber ein potentielles Personverhalten. Das Ei und die Samenzelle sind Vorbereitung auf eine neue Person. Sie sind nicht diese Person in potentieller Form, weil sie überhaupt keine Personen sind. Zwischen Samen- und Eizelle und dem Menschen als Zygote liegt eine radikale Zäsur: die Entstehung eines neuen personalen Menschen durch Verschmelzung von Ei- und Samenzelle.

Es ist unrecht, wenn ein Weißer verlangt, dass ein Mensch weiß sein muss, um als Mensch zu gelten. Ebenso ist es unrecht, wenn ein Mensch mit Personverhalten verlangt, dass eine Person unbedingt ein bestimmtes Personverhalten zeigen muss.

  • Hier zeigt sich ganz eindeutig die Service-Philosophie, die Betroffene, etwa nach einer Abtreibung, rechtfertigen will.

Es ist immer Unrecht, wenn Menschen ihre Macht und ihr Können ausnutzen, um andere, Schwache zu benachteiligen, besonders wenn das zum Tod des Benachteiligten führt.

Es ist immer Unrecht, bei einem Menschen die Unfähigkeit zum Personverhalten auszunutzen, indem man ihn benachteiligt und ihm die volle Achtung, die jedem Menschen zusteht, verweigert.

Eltern, die der Meinung sind, dass ihr neugeborenes Kind oder ihr noch ungeborenes Kind wegen einer Behinderung kein sinnvolles Leben vor sich hat, oder die die zusätzliche Last der Pflege nicht auf sich nehmen wollen, können sich die Theorie der agierenden Person zu eigen machen und den Leistungsgedanken dazu nutzen, ihr Kind zur Nichtperson zu erklären und seine Vernichtung zu rechtfertigen.

Auch der Staat profitiert davon und verfolgt die gleichen Interessen wie diese Eltern (Ballastexistenzen). Wer kann sich da noch sicher fühlen? Wer die Macht hat, kann das Entwicklungsniveau festsetzen, bei dem man als Person zählt. Ärzte töten Ungeborene, nicht umgekehrt. Die Devise heißt: "Macht vor Recht!"

 


   

Die einzig wahre Alternative:

Ehrfurcht vor der Würde eines jeden Menschen als Person

- weil ihm Person-Sein eigen ist!

Welche Bedeutung die Menschenwürde hat, kann man sehen und erst eigentlich ermessen, wenn sie verweigert oder angegriffen wird. Sklaverei, Kindesmißhandlung, sexuelle Belästigung und Vergewaltigung sind erdrückende Beispiele. Es ist niederträchtig, die körperliche Unfähigkeit eines Menschen auszunutzen.

Ein Mensch ist Person, er hat die inhärente Würde der Person, ob er nun die entsprechenden Fähigkeiten hat oder nicht. Die Unfähigkeit eines Menschen auszunutzen heißt, seine Würde zu verletzen.

Wir schulden jedem Menschen, jeder Person gegenüber die gleiche Achtung, ob ungeboren, behindert, alt oder krank.

Euthanasie - morden, morden und kein Ende ... 

Zuerst kamen sie, die Ungeborenen zu töten.

Ich sagte nichts, ich war nicht ungeboren.

Dann kamen sie, die Kranken zu töten.

Ich sagte nichts, ich war nicht krank.

Dann kamen sie, die Alten zu töten.

Ich sagte nichts, ich war nicht alt.

Dann kamen sie, die politisch Aktiven zu töten.

Ich sagte nichts, ich war nicht politisch aktiv.

Dann kamen sie, die Christen zu töten.

Ich sagte nichts, ich war kein Christ.

Wenn sie kommen, um mich zu töten,

wird dann noch jemand dasein,

der für mich spricht?

(Katja Floßdorf, frei nach Martin Niemöller)


Literaturhinweis: In Anlehnung an Stephen Schwarz, "Die verratene Menschenwürde", Communio Verlag, Köln