Naturgesetz oder Irrtum

Zeitdokument 13 //

07-01-1999 Das "Biogenetische Grundgesetz" von Ernst Haeckel wird auch heute noch vielfach zugrundegelegt, wenn über den Beginn des menschlichen Lebens gesprochen wird. Der bekannte Humanembryologe und Anatom Prof. Dr. Erich Blechschmidt antwortet auf aktuelle Fragen.


Naturgesetz oder Irrtum?


Wie und wann beginnt das Leben eines Menschen?  

Dr. med. Erich Blechschmidt, Professor für Anatomie, 1942-1973 Direktor des Anatomischen Instituts der Universität Göttingen, hat wie kein anderer die frühen vorgeburtlichen Stadien des Menschen untersucht. Er hat die nach ihm benannte `Humanembryologische Dokumentationssammlung´ in Göttingen aufgebaut und mit ihr die Humanembryologie morphologisch begründet.

Diese Sammlung ist die einzige dieser Art und wegen ihrer komplizierten Herstellungstechnik nicht reproduzierbar. Neben etwa 200 Facharbeiten in wissenschaftlichen Zeitschriften hat er in einem Dutzend Bücher die vorgeburtlichen Entwicklungsstadien des Menschen aufgezeigt. Im nun folgenden Interview (veröffentlicht im PUR-Magazin, 5. Jahrgang, Nr. 2, 26.1.1991, Friedrich Wirth Str. 4, 88353 Kisslegg) antwortet Prof. Blechschmidt auf grundlegende Fragen. Gerade in der Diskussion um die Abtreibung sind seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse von allergrößter Bedeutung.


FRAGE: Die Kernfrage an den Humanembryologen: Entwickelt sich ein Mensch im Mutterleib zum Menschen oder ist er vollwertiger Mensch von Anfang an, ab dem Zeitpunkt der Befruchtung?


Prof. Dr. Blechschmidt: Das kann man nur so beantworten: Er entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern von vornherein als Mensch und zwar nicht als Typus Mensch, der allmählich erst individueller würde, sondern als ein bestimmter Mensch, der später einmal mit Recht einen bestimmten Namen bekommt, also von Anfang an den Charakter der Unverwechselbarkeit besitzt.


 

FRAGE: Sie gelten als derjenige, der glaubwürdig und gültig das biogenetische Grundgesetz von Ernst Haeckel widerlegt hat, der 1866 behauptete, der Mensch mache in seiner Embryonalentwicklung verschiedene Tierstadien durch.


Prof. Dr. Blechschmidt: Ich habe die frühen Phasen des menschlichen Lebens nicht nur untersucht, sondern in stark vergrößerten, sehr exakten sogenannten Schnittserienrekonstruktionen, die als 64 einen Meter große Objekte, aus Kunststoff hergestellt, geschlossen in Göttingen stehen und dort der Öffentlichkeit zugänglich sind, die menschliche Frühentwicklung aufgezeigt. An dieser Sammlung hat sich zum ersten Mal die menschliche Entwicklung als charakteristisch menschlich und aus den Eigenschaften des Keims, aber nicht zoologisch ableitbar gezeigt. In meiner Sammlung in Göttingen habe ich immer wieder gesehen, wie Kinder auf die Modelle zugehen, die Mütter mitziehen und sagen: "Sieh doch mal, wie lieb!" Kinder können das Menschliche beurteilen, selbst an künstlichen Modellen. Sie sind unbefangen, fühlen sich angezogen und erkennen spontan, daß das mit Tierischem gar nichts zu tun hat, sondern den Charakter der menschlichen Ursprünglichkeit besitzt.


FRAGE: Wie erklären Sie sich, daß immer noch in Schulbüchern das "Biogenetische Grundgesetz" gelehrt wird?


Prof. Dr. Blechschmidt: Papier ist geduldig. Die Biologen, die Schulbücher schreiben (es schreibt kein Mediziner ein Schulbuch), kennen die menschliche Frühentwicklung nicht. Die Lehrer benutzen gerne die scheinbare Erklärungsmöglichkeit des sogenannten "Biogenetischen Grundgesetzes", weil sie die Prinzipien und Regeln der Entwicklung nicht kennen.

Um diese kennenzulernen, bedarf es eines gründlichen Studiums. Es ist natürlich erstaunlich, daß sie die neuen Erkenntnisse nicht akzeptieren, ja zu unbeweglich sind, sich damit zu beschäftigen, um es mal grob zu sagen. Die andere Seite ist die, daß man das ganze Schulbuch natürlich unter dem Gesichtspunkt der Individualspezifität eines jeden Lebewesens, ich möchte fast sagen, der Geschöpflichkeit insbesondere des Menschen und nicht unter dem Gesichtspunkt bzw. Vor-Urteil einer Evolution schreiben müßte. Und dazu sind sie nicht bereit. Sie erhalten mit Einschränkung dieses "Biogenetische Grundgesetz" letztlich aus ideologischen Gründen, um mit Hilfe dieses Gesetzes zu zeigen, der Mensch stammt eben doch vom Tier ab und ist nur ein höher entwickeltes Tier.


FRAGE: Sie glauben nicht, daß die Personalität und die "Beseelung" des Menschen in seiner Entwicklung irgendwann entsteht, daß dem ungeborenen Kind irgendwann etwas Besonderes hinzugegeben wird, das es zum Menschen macht.


Prof. Dr. Blechschmidt: Genau. Die wirklich vorhandene, erkennbare, ja geradezu greifbare Eigenart des ungeborenen Menschen ist mit Begriffen der Physik und Chemie nicht annäherungsweise faßbar. Der kleine Organismus ist durch eine besondere Eigenart gekennzeichnet.


Ich habe meinen Studenten immer wieder gesagt, wenn ihr sehen wollt, was der Mensch eigentlich ist, braucht ihr nicht die Erwachsenen anzusehen, denn sie sind doch irgendwie durch Mode und Gepflogenheit geprägt, seht euch besser einen jungen Menschen, einen Embryo an, da ist das Menschliche besonders deutlich. Der Ungeborene ist in jedem Augenblick seiner Entwicklung voller Ursprünglichkeit und Echtheit; Imitation gibt es bei ihm nicht. - Dieses wesentliche Menschliche, das über das rein Biologische hinausgeht, wird getragen von der Seele.


Wer nur nackte Fakten, Quantitäten, zur Kenntnis nehmen will, übersieht die Qualität und geht damit am Wesentlichen, nämlich am Wesen des Menschen vorbei. Natürlich kann man die Seele nicht auf die Waage legen, man muß letztlich glauben, daß der Mensch eine Seele hat. Wenn man aber an die Seele glaubt, dann muß man sie wirklich von der Befruchtung an akzeptieren, weil die Humanembryologie nachweisen kann, daß jede Verhaltensweise des Menschen in der ganzen Entwicklung charakteristisch menschlich ist.


 

FRAGE: Was empfindet ein Humanembryologe, wenn der Herausgeber des Spiegel dem Embryo in den ersten Wochen das Menschsein abzusprechen versucht, oder wenn vor ein paar Jahren der höchste deutsche Richter meinte, das ungeborene Kind sei nicht mehr als ein "himbeerähnliches Gewebe"?


Prof. Dr. Blechschmidt: Gelinde gesagt Unbehagen und ein Bedauern, daß Juristen, die doch eine hervorragende Erfahrung und eine wirkliche Vielfalt des Wissens besitzen, oftmals so merkwürdig rückständig und offenbar nicht gut beraten sind, oder auch Ärzte, die nicht aufgrund ihres Studiums, sondern auch aus vielfältiger Erfahrung sowie aus kompetenter Literatur wissen müssen, daß jedes menschliche Lebewesen, gleichgültig in welchem Entwicklungsstadium, wesenhaft immer voll Mensch ist. Ich habe mir natürlich auch überlegt, ob hier nicht aus den verschiedensten Gründen ganz einfach wider besseres Wissen so gesprochen wird.


FRAGE: Besonders aus den USA werden immer wieder Fälle bekannt, wo Ärzte mit lebenden Feten, die 3-4 Monate alt sind, Experimente machen. Halten Sie das für ethisch erlaubt?


Prof. Dr. Blechschmidt: Ich halte es für Unsinn von vornherein und für ethisch gar nicht diskutierbar. Es gibt zwar die Laienvorstellung, wahr sei nur, was experimentell gesichert ist. Das ist aber ein grobes Vorurteil.


FRAGE: Es ist im vergangenen Jahr der Verdacht gegen Sie erhoben worden, Sie selbst hätten Lebendexperimente an menschlichen Embryonen durchgeführt.


Prof. Dr. Blechschmidt: Dieser Vorwurf ist so absurd, daß ich bisher keine Stellung dazu genommen habe. Es besteht aber der Verdacht, daß in meiner Person meine Forschungsergebnisse diskriminiert werden sollen. Es zeigt sich hier eine erstaunliche Unkenntnis: Ein Anatom und Humanembryologe untersucht Tote und experimentiert nicht. Das tun die Physiologen.

Wir besitzen gar nicht die Instrumente und Apparate, die für Lebenduntersuchungen am Menschen geeignet und notwendig wären. Lebendexperimente an menschlichen Embryonen waren seiner Zeit gar nicht möglich, weil die Anatomie der jungen Embryonen noch unbekannt war. Ich selbst habe sie ja erst in jahrelanger Forschungsarbeit aufgeklärt (am toten Objekt natürlich).


FRAGE: Warum halten Sie Experimente an lebenden Embryonen ethisch für unerlaubt?Prof. Dr. Blechschmidt: Weil der Mensch nicht über den Menschen verfügen und ihn zum Zweck für etwas - als Objekt - benutzen darf. Der Mensch ist dem Menschen zur Sorge und zum Behüten anvertraut, aber nicht zum Verwerten oder gar Töten. Er ist Geschöpf Gottes und hat Menschenwürde ja nicht deshalb, weil wir biologisch ein bißchen anders sind als ein Affe, sondern weil wir Abbild Gottes sind. Die genannten Experimente sind vermutlich zu 90% nur zur Selbstbestätigung der Forscher da und nicht zwingend notwendig.


 FRAGE: Wo stammen Ihre Embryonen her?


Prof. Dr. Blechschmidt: Nur von Operationen, die aus medizinischen Gründen notwendig waren, z. B. Eileiterschwangerschaften, bei denen es zu lebensbedrohenden Blutungen aus den Gefäßen des geplatzten Eileiters kommt, oder z. B. Tuberkulose oder Geschwülste, die eine Entfernung der Gebärmutter notwendig machten. Der Zufall, daß man dabei einen nur wenige Millimeter großen, durchsichtig zarten Embryo findet, ist nicht sehr häufig. So könnte man z. B. gar keine Versuchsreihe aufstellen, wie sie für alle Experimente zwingend notwendig gefordert wird oder reproduzierbare und damit vergleichbare Versuchsbedingungen schaffen. Erst neuerdings - aufgrund der Retortenbefruchtungen - ist so etwas leider eine große Versuchung.


FRAGE: Wie stehen Sie aufgrund Ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse über den ungeborenen Menschen zur gegenwärtigen gesetzlichen Abtreibungsregelung des § 218 StGB?


Prof. Dr. Blechschmidt: Ich glaube, man muß den § 218 ändern. Abtreibung müßte wieder verboten sein, denn es gibt keine Indikation außer der medizinischen im engsten Sinne. Ich weiß allerdings nicht, ob es praktisch wirklich noch medizinische Indikationen gibt.


FRAGE: Worin liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen, daß das Empfinden für die Unantastbarkeit des Lebens gerade der schwächsten, zartesten und hilfsbedürftigsten Menschen in unserer so fortschrittlichen Gesellschaft verlorengegangen ist, so daß bei uns täglich 1000 ungeborene Kinder umgebracht werden?


Prof. Dr. Blechschmidt: Zum Teil liegt es daran, daß man in der Öffentlichkeit gar keine Ahnung davon hat, daß ein kleines ungeborenes menschliches Lebewesen ein "homo" ist. Wenn man fragt, wie sieht so etwas denn aus, dann bekommt man oft abenteuerliche Aussagen. Ist unser Fortschritt, den Sie ansprechen, nicht nur ein materialistischer, sind wir nicht nur im Sinne unserer sogenannten Selbstverwirklichung fortschrittlich? Sind wir nicht vielfach ungläubig und atheistisch?


Wir sehen ja so ein Kind nicht mehr als Geschenk Gottes, sondern wir wollen es oder wir wollen es nicht, und wir machen es oder machen es nicht, und wenn=s falsch geworden ist - z. B. ein Retortenbaby -, werfen wir=s einfach weg. Das ist vielfach heute die Mentalität.


Weiterführende Literatur:Prof. Dr. med. Erich Blechschmidt, "Wie beginnt das menschliche Leben: vom Ei zum Embryo", Christiana Verlag, Stein am Rhein, 6. Aufl., 1989Dr. Trautemaria Blechschmidt, "Evolutionstheorie - mehr als eine Hypothese?", Schriftenreihe der Aktion Leben e.V., Heft 8, 1999