Die PID - "Irrweg zu einer scheinbaren Perfektion"

Bioethik | Präimplantationsdiagnostik

Ein Vortrag von Walter Ramm, Vorsitzender der AKTION LEBEN e.V.

An der Universitätsklinik Brüssel und andernorts wird die sog. Präimplantations-Diagnostik (PID) gemacht. Durch künstliche Befruchtung im Reagenzglas werden Embryonen erzeugt, um sie dann auf mögliche Erbdefekte zu untersuchen. Dem Embryo wird im 8-Zellen-Stadium eine oder zwei Zellen entnommen, die anschließend gentechnologisch analysiert werden. Das winzige Kind lebt weiter bis zum Befund der Diagnose. Trägt es ein krankes Gen, wird es "verworfen", abgetötet. Ist es gesund, wird es der Mutter eingepflanzt. So einfach ist das!

Die Ärzte sagen, es sei eine gute Sache, weil sie Paaren helfen, dass sie kein gengeschädigtes Kind bekämen und deswegen spätere Abtreibungen verhindert würden.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit der PID wurde im Oktober 2000 bekannt. Ein Elternpaar hat ein Retortenbaby bekommen, mit dessen Zellen das Leben seiner todkranken Schwester erhalten werden soll. Dies dürfte der erste Fall sein, bei dem ein Paar sein Baby im Labor unter offiziell 15 Embryos - inoffiziell wird von ca. 500 Embryonen gesprochen - nach dem für die kranke Tochter geeigneten Zelltyp, auswählte.

Nach Zeitungsberichten erhielt das kranke Mädchen zwischenzeitlich ein Transplantat von Zellen aus der Nabelschnur ihres Bruders. Diesen Bruder nennen die Eltern sinnigerweise "Adam".1 Die PID-Methode ist in Deutschland noch tabu, aber Fortpflanzungsmediziner haben bereits einen Antrag bei ihrer zuständigen Ethikkommission, z.B. an der Uni Lübeck, gestellt. Das Interesse sei auch in Deutschland sehr groß, wird immer wieder betont. Die Ethik-Kommission des Rheinlandpfälzischen Justizministeriums hat auch schon grünes Licht gegeben. Zwischenzeitlich beschäftigt sich auch die Bundesärztekammer (BÄK) mit PID.

Das löste u.a. eine wachsweiche Stellungnahme bei der Frühjahrshauptversammlung 2000 der Bischofskonferenz (DBK) aus. In der Stellungnahme der DBK-Frühjahrsvollversammlung 2000 heißt es z.B. ganz vorsichtig:

"Man möchte auf diese Weise Geburten von Kindern mit schweren Erbleiden verhindern. Diese Diagnostik scheint vielen Wünschen im Bereich der Fortpflanzungsmedizin entgegen zu kommen."

Am Schluss: "Die Frühjahrs-Vollversammlung der DBK hat sich in einer ersten Diskussion mit dieser für unser Land neuen Herausforderung beschäftigt und wird in nicht zu ferner Zeit eine ausführlichere Bewertung vorlegen."

Statt auf die Instruktion der römisch katholischen Glaubenskongregation `Donum Vitae´ zu verweisen und ein klares NEIN zu sprechen!


Auch nach dem deutschen Embryonen-Schutzgesetz von 1991 ist die Forschung am Embryo verboten. Erlaubt ist allerdings, das Geschlecht zu bestimmen, um das Kind vor einer geschlechtsgebundenen Erbkrankheit zu bewahren. Das Kind wird dann in der Regel abgetrieben, (nach dem Gesetz von 1995 bis zur Geburt) bzw. bei PID würde man es zugrunde gehen lassen, oder als Forschungsobjekt gebrauchen.

Jutta Dinkermann schreibt zu diesem Komplex:

"Die Abtreibungsgesetzgebung wurde im Laufe der Zeit unter Tolerierung und aktiver Mitwirkung der Ärzteschaft soweit ausgedehnt, dass heute Mehrlingsschwangerschaften auf die gewünschte Anzahl reduziert werden (durch Giftinjektionen) und behinderte Kinder legaler weise bis kurz vor ihrer Geburt getötet werden dürfen. Ein Umstand übrigens, bei dem Ärzte immer häufiger mit Kindern konfrontiert werden, die ihre eigene Abtreibung überleben.

Nun ist aber die weit verbreitete Praxis des `Liegenlassens´ bis der Tod eintritt strafbar. Dieses `berufsrechtliche´ Problem ließe sich durch die Präimplantations-Diagnostik (PID) `lösen´, indem das `Übel´ schon früher angepackt wird. Diese Überlegung könnte auch eine Rolle beim Zustandekommen des BÄK-Papiers zur PID gespielt haben. Immer häufiger wird so argumentiert: Wenn man ohnehin abtreiben darf, wenn die Gesellschaft und der Staat davon überzeugt sind, dass es sogar so etwas wie "ein Recht auf ein gesundes Kind" gibt, warum sollte die PID dann in Deutschland verboten bleiben?

Im Rahmen einer pervertierten Logik ist solch eine Schlussfolgerung korrekt. Ebenso ist nicht erkennbar, wieso im Rahmen der vorherrschenden gesellschaftlichen und politischen Überzeugungen eine Züchtung und Manipulation von Embryonen ein schädlicheres Vergehen darstellen sollte als eine Abtreibung oder der sofortige Wurf in die Mülltonne nach PID. Warum den "Zellhaufen" nicht "recyclen"? Schließlich ist der "Rohstoff Mensch" wertvoll, für vielerlei zu gebrauchen, von der Herstellung von Kosmetikprodukten bis hin zu angeblichen Möglichkeiten der Züchtung von Ersatzorganen.

Es hat in der Tat tragisch-komische Züge, wenn Politiker aller Parteien im Deutschen Bundestag erklären, wie tief erschüttert sie über die Vorgänge im Münchener Patentamt seien, (angebl. versehentliche Patenterteilung auf menschliches Leben) und die Bundesregierung gar erklärt hat, Einspruch einlegen zu wollen. Gleichzeitig kommt aber niemand auf die Idee, dass sie selbst es waren, die nicht zuletzt durch die Abtreibungsgesetzgebung einen Wandel im Menschenbild hervorgerufen haben, der solche Vorgänge überhaupt erst ermöglicht."2


Schon kommt das Argument auf, dass die deutschen Wissenschaftler sich nicht sehr redlich verhalten, weil sie die anderen die Forschungsarbeit machen lassen und die Ergebnisse ernten möchten, oder dass hochqualifizierte Forscher ins Ausland abwanderten.

Am 22.3.2000 veranstaltete die Uni-Bayreuth mit der Technikerkrankenkasse ein Forum zu den Fragen: "Wird der Traum vom perfekten Kind schon bald Realität? Wie verändert sich die Gesellschaft, wenn genetisch bedingte Krankheiten frühzeitig erkannt werden und eine Schwangerschaft deshalb nicht ausgetragen wird?"

Unter dem Thema "Ethik und Ökonomie" wurde auch das Thesenpapier zur PID der Bundesärztekammer diskutiert.

Bezeichnend ist auch die Aussage des Präsidenten der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG), dessen Ethikkommission sich auch mit dieser Frage beschäftigt. Er meint:

"Als ich mich für das Embryonenschutzgesetz (1990) stark gemacht habe, wusste ich noch nicht, dass mit embryonalen Stammzellen eines Tages vielleicht Parkinson geheilt werden kann".3

Das wirklich Teuflische bei der Sache ist, dass man diese Techniken als Fürsorge für das Ungeborene interpretiert. Dabei verknüpft man diesen Anspruch "alles zu tun für das Wohl des Kindes" mit einem Druck auf die Mutter.

Um späteren Vorwürfen zu begegnen, muss die Mutter sich sagen können, ich habe wirklich alles getan. Die Mütter kommen dadurch immer mehr auch gesellschaftlich unter einen enormen Druck, nur "gesunde" Kinder auszutragen.

Kinder sollen am besten mit einem TÜV-Stempel auf dem Po zur Welt gebracht werden "Garantiert fehlerfrei" und möglichst auch - und diese Vorstellung ist gar nicht so utopisch - "Besteht mit Sicherheit das Abitur".


[1] Eichstätter Kurier, Nr. 229, 5.10.2000

[2] Jutta Dinkermann in "Medizin und Ideologie", Juni 2000 (S: 40f)

[3] Berliner Zeitung 1.3.2000