Den Stimmlosen Stimme sein - Teil I

Religiöse Grundlagen | Den Stimmlosen Stimme sein - Teil I

Schriftenreihe 4

von Pater Martin RAMM FFSP

(Schriftenreihe Nr. 4 der AKTION LEBEN e.V.)

I. Was ist „Leben"?

Diese Frage, so banal sie vielleicht im ersten Moment zu sein scheint, ist durchaus wichtig: Was ist Leben? Sicherlich gibt es vielerlei Ansätze, das Phänomen des Lebens in all seinen Aspekten und Erscheinungsweisen zu untersuchen und zu beschreiben. An dieser Stelle aber wollen wir eine umfassende Antwort wagen und versuchen, auf den Kern dessen zu kommen, was „Leben" eigentlich ist und was „Leben" wertvoll und schützenswert macht. Das Verständnis hierzu steht uns im christlichen Glauben offen, und all unser Einsatz für das Leben wird hierdurch erst in das rechte Licht gerückt.

Am 25. März 1995 unterzeichnete Papst Johannes Paul II. eine Enzyklika, die mit den Worten beginnt:

Evangelium Vitae", „Das Evangelium vom Leben"1 (Abkürzung = EV).

In dieser Enzyklika spürt der Papst dem „vollen Sinn jeder menschlichen Geburt" nach und verweist dabei auf Jesus selbst:

  • „Den zentralen Kern seines Erlösungsauftrags stellt Jesus mit den Worten vor: 'Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.' (Joh 10,10) (...).  Eben in diesem 'Leben' gewinnen sämtliche Aspekte und Momente des Lebens des Menschen ihre volle Bedeutung."

(EV 1)

Aus dieser „vollen Bedeutung" heraus verstehen wir die Grundlage der Unantastbarkeit menschlichen Lebens. Jede menschliche Person ist von unvergleichlichem Wert, denn:

  • „Der Mensch ist zu einer Lebensfülle berufen, die weit über die Dimensionen seiner irdischen Existenz hinausgeht, da sie in der Teilhabe am Leben Gottes selber besteht. Die Erhabenheit dieser übernatürlichen Berufung enthüllt die Größe und Kostbarkeit des menschlichen Lebens auch in seinem zeitlich-irdischen Stadium. Denn das Leben in der Zeit ist Grundvoraussetzung, Einstiegsmoment und integrierender Bestandteil des gesamten einheitlichen Lebensprozesses des menschlichen Seins. (...).
  • Zugleich unterstreicht diese übernatürliche Berufung die Relativität des irdischen Lebens von Mann und Frau. In Wahrheit ist es nicht 'letzte', sondern 'vorletzte' Wirklichkeit; es ist also heilige Wirklichkeit, die uns anvertraut wird, damit wir sie mit Verantwortungsgefühl hüten und (...) zur Vollendung bringen."

(EV 2)


Einen ersten Wert hat „Leben" daraus, dass es von Gott kommt. Aber diesen Wert hat auch das Leben eines Hundes, einer Katze oder eines Regenwurmes.

Halten wir also an dieser Stelle fest: Die eigentliche Größe, Kostbarkeit und Heiligkeit menschlichen Lebens liegt in seiner Hinordnung auf ewiges Leben, in der Berufung zum Leben in einer Fülle, die jede irdische Dimension weit übersteigt!

Diese heilige Wirklichkeit menschlichen Lebens wird heute jedoch vielfach nicht erkannt und anerkannt. Vielmehr war zu kaum einer Zeit das Leben so vielfältig bedroht, wie dies heute der Fall ist, vor allem wenn das Leben schwach und wehrlos ist:

  • „Das fundamentale Recht auf Leben wird heute bei einer großen Zahl schwacher und wehrloser Menschen, wie es insbesondere die ungeborenen Kinder sind, mit Füßen getreten."

(EV 3)


Der Papst schreibt von gewissen, vom wissenschaftlich-technologischen Fortschritt eröffneten, Perspektiven, aus denen neue Formen von Anschlägen auf die Würde des Menschen entstehen, und einer „kulturellen Situation", die den Verbrechen gegen das Leben einen „bisher unbekannten und womöglich noch widerwärtigeren Aspekt" verleihe.

  • „Breite Schichten der öffentlichen Meinung rechtfertigen manche Verbrechen gegen das Leben im Namen der Rechte der individuellen Freiheit und beanspruchen unter diesem Vorwand nicht nur Straffreiheit für derartige Verbrechen, sondern sogar die Genehmigung des Staates, sie in absoluter Freiheit und unter kostenloser Beteilung des staatlichen Gesundheitswesens durchzuführen."

(EV 4)

Unser Einsatz für das Leben bedeutet immer zugleich auch Verkündigung des Evangeliums vom Leben.

An alle Menschen guten Willens und besonders an uns Katholiken ergeht der eindringliche Appell des Papstes, mit unvermindertem Mut „den Stimmlosen Stimme zu sein" (vgl. EV 5).

Im Namen Gottes gilt es, jedes menschliche Leben zu achten, zu verteidigen und zu lieben.


II. Wann beginnt das menschliche Leben?

Bevor wir uns einigen der vielfältigen Bedrohungen menschlichen Lebens ganz konkret und im Einzelnen zuwenden, gilt es kurz zu betrachten, was uns Wissenschaft und Glaube vom Beginn des menschlichen Lebens lehren.

  

A   Die Wissenschaft

Wer von uns hat wohl noch nicht den Einwand gehört, dass das, was bei der Abtreibung getötet wird, ja noch überhaupt kein Mensch sei, sondern allenfalls ein Embryo, ein Fetus oder gar ein „Schwangerschaftsgewebe"? - Noch vor einigen Jahren war dies das entscheidende Argument vieler Abtreibungsbefürworter.

Wenn wir im Folgenden einen Blick in ein modernes Schullehrbuch der Biologie für die Oberstufe werfen und schauen, welch ein Bild vom Menschen hier vermittelt wird, so wollen wir alles, was wir bisher über den Wert des menschlichen Lebens gesagt haben, im Hinterkopf behalten.

Im „Linder", 19. Auflage 1985 fand sich ein Kapitel mit der Überschrift: „Fortpflanzung und Entwicklung von Tier und Mensch" (S. 290). Darin liest man manch wissenschaftliches Detail über die große Ähnlichkeit der Entwicklung von Lanzettfisch, Vogel und Mensch und findet schematische Darstellungen von frühen Entwicklungsstadien von Fisch, Molch, Schildkröte, Vogel und Mensch (S. 386). Alles, was man über den Beginn des menschlichen Lebens und die vorgeburtliche Entwicklung des jungen Menschen zu lesen bekommt, ist eine Erläuterung der sogenannten - nach dem neuesten Stand humanembryologischer Forschungen allerdings völlig unhaltbaren - „biogenetischen Grundregel" eines gewissen Herrn Ernst Häckel, die besagt, die Entwicklung des Einzelwesens sei eine kurze und schnelle Wiederholung seiner Stammesentwicklung (sprich Evolution), weshalb man beim Menschen in seiner „Keimesgeschichte" beispielsweise ein dichtes Haarkleid, einen kleinen Schwanz und gelegentlich auch einer Kiemenspalte entsprechende Halsfisteln beobachten könne.

Wenn man jedoch in dem gelehrten Buch für Abiturienten auch nur einen kleinen Hinweis darauf sucht, wann denn nun das Menschliche beginnt, dass die Naturwissenschaft doch nur sehr begrenzte Aspekte der gesamten Wirklichkeit vom Menschen ins Visier bekommt und dass sich der Mensch vielleicht doch in irgendeiner Weise vom Tier unterscheidet und schützenswerter ist als eine Kröte, so wird man danach vergeblich suchen. Hängt dies vielleicht mit dem Anspruch zusammen, dass ein modernes „wissenschaftliches" Buch neutral und wertfrei sein muss? - Wird uns angesichts einer derart verkürzten Sicht vom Menschen die Einstellung verwundern, die viele Zeitgenossen zu Fragen des Lebensschutzes haben?

Gott sei Dank gibt es aber auch solche Wissenschaftler, die es verstehen, den Menschen aus einer etwas umfassenderen Sicht als nur aus der Perspektive des Biologen oder Biochemikers heraus zu betrachten. Ein solcher ist Professor Dr. Erich Blechschmidt, der sein Lebenswerk der Erforschung des jungen Menschen gewidmet hat und der seine Ergebnisse in dem Satz zusammenfaßt:

  • „Ein Mensch entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch, er wird nicht Mensch, sondern ist Mensch von Anfang an!"

  

Professor Blechschmidt2 und mit ihm andere ernsthafte Humanembryologen lehren, dass der Mensch ohne Zweifel bereits mit der Befruchtung seinen Anfang nimmt, und dass schon in der befruchteten Eizelle alles zugrunde gelegt ist. Was sich ab diesem Moment noch ändert, ist einzig das äußere Erscheinungsbild. Zu keinem Zeitpunkt der Entwicklung kommt noch irgendetwas hinzu, was das, was sich entwickelt, erst zum Menschen machen würde. Der Mensch entfaltet sich als Mensch!

 

B   Wichtige Stationen der Entfaltung des jungen Menschen

  • Befruchtung: Erste Zellteilungen: Beginn einer neuen, einzigartigen, spezifisch menschlichen personalen Existenz.
  • 12.-14. Tag:  Einnistung in die Gebärmutter (= Nidation).
  • 18.-21. Tag: (1,6 mm) Das Herz beginnt zu schlagen.
  • 1. Monat: (4-6 mm) Entstehung der großen Organsysteme: Gehirn, Rückenmark und Nerven (und damit Schmerzempfindlichkeit!), Skelett, Muskulatur.
  • 2. Monat:   (ca. 3 cm) Frühentwicklung fast aller Organe. Das Kind greift, schluckt, macht Atembewegungen und ist schmerzempfindlich.
  • 3. Monat:  (ca. 9 cm) Man spricht in der Fachsprache nun nicht mehr vom Embryo, sondern vom Fetus. Das Kind ändert nur noch seine Größe.
  • Geburt:           Das Kind atmet selbständig. Umstellung der Ernährung (...)
  • 2-3 Jahre:   Das Kind lernt sprechen, laufen (...)
  • 12-14 Jahre: Pubertät: geschlechtliche Reifung (...) 

 

C   Die kirchliche Lehre

Was uns die Kirche über den Beginn des menschlichen Lebens lehrt, faßt eine Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung vom 10. März 1987 so zusammen:

  • „Jedes menschliche Wesen muss - als Person - vom ersten Augenblick seines Daseins geachtet werden. (...)

Die Kirche hat (...) auf dem II. Vatikanischen Konzil dem heutigen Menschen von neuem ihre gleichbleibende und sichere Lehre vorgelegt, wonach das 'menschliche Leben von der Empfängnis an mit höchster Sorgfalt zu schützen ist. Abtreibung und Tötung des Kindes sind verabscheuungswürdige Verbrechen' (Gaudium et spes 51).

Jüngst erklärte die vom Hl. Stuhl veröffentlichte Charta der Familienrechte: 'Menschliches Leben muss vom Augenblick der Empfängnis an absolut geachtet und geschützt werden.' (25. Nov. 1983) Diese Kongregation weiß um die aktuellen Diskussionen über den Beginn des menschlichen Lebens, über die Individualität von menschlichen Wesen und über die Identität der menschlichen Person. Sie erinnert an die Lehren, die in der Erklärung zur vorsätzlichen Abtreibung enthalten sind:

  • 'Von dem Augenblick an, in dem die Eizelle befruchtet wird, beginnt ein neues Leben, welches weder das des Vaters noch das der Mutter ist, sondern das eines neuen menschlichen Wesens, das sich eigenständig entwickelt. Es würde niemals menschlich werden, wenn es das nicht schon von diesem Augenblick an gewesen wäre. Die neuere Genetik bestätigt diesen Sachverhalt, der immer eindeutig war (...), in eindrucksvoller Weise. Sie hat gezeigt, dass schon vom ersten Augenblick an eine feste Struktur dieses Lebewesens vorliegt: eines Menschen nämlich, und zwar dieses konkreten menschlichen Individuums, das schon mit all seinen genau umschriebenen, charakterlichen Merkmalen ausgestattet ist. Mit der Befruchtung beginnt das Abenteuer des menschlichen Lebens, dessen einzelne bedeutende Anlagen Zeit brauchen, um richtig entfaltet und zum Handeln bereit zu werden.'

Diese Lehre bleibt gültig und wird außerdem, wenn dies noch notwendig wäre, von neueren Forschungsergebnissen der Humanbiologie bestätigt, die anerkennt, dass in der aus der Befruchtung hervorgehenden Zygote sich die biologische Identität eines neuen menschlichen Individuums bereits konstituiert hat.

Sicherlich kann kein experimentelles Ergebnis für sich genommen ausreichen, um eine Geistseele erkennen zu lassen; dennoch liefern die Ergebnisse der Embryologie einen wertvollen Hinweis, um mit der Vernunft eine personale Gegenwart schon von diesem ersten Erscheinen eines menschlichen Wesens an wahrzunehmen: Wie sollte ein menschliches Individuum nicht eine menschliche Person sein? Das Lehramt hat sich nicht ausdrücklich auf Aussagen philosophischer Natur festgelegt, bekräftigt aber beständig die moralische Verurteilung einer jeden vorsätzlichen Abtreibung. Diese Lehre hat sich nicht geändert und ist unveränderlich.

Deshalb erfordert die Frucht der menschlichen Zeugung vom ersten Augenblick ihrer Existenz an, also von der Bildung der Zygote an, jene unbedingte Achtung, die man dem menschlichen Wesen in seiner leiblichen und geistigen Ganzheit sittlich schuldet. Ein menschliches Wesen muss vom Augenblick seiner Empfängnis an als Person geachtet und behandelt werden, und infolgedessen muss man ihm von diesem selben Augenblick an die Rechte der Person zuerkennen und darunter vor allem das unverletzliche Recht jedes unschuldigen menschlichen Wesens auf Leben."

(1. Kapitel, 1. Abschnitt)