Das Naturrecht - früher und heute

"Naturrechte sind Rechte, die dem Menschen von Natur aus zustehen - und zwar einzig und allein aufgrund seines Gott gewollten Menschseins."

Anmerkungen zum gleichlautenden Vortrag von Prof. Wolfgang Waldstein, gehalten am 15. November 2002 bei einer Tagung des "christlichen europäischen ethikforums (ceef)". Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Waldstein lehrte von 1965 bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1992 Römisches Recht an der Universität in Salzburg. Seit 31. Mai 1994 ist er Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben und seit 1999 Mitglied des Consiglio Direttivo dieser Akademie.

Naturrechte sind Rechte, die dem Menschen von Natur aus zustehen - und zwar einzig und allein aufgrund seines Gott gewollten Menschseins. Naturrecht muss man nicht suchen, es ist da. Ohne Naturrecht kann es keine Menschenrechte geben. Ein Beispiel soll dies illustrieren: Ein römischer Sklave soll sich mit zehn Dinar bei einem Erben freikaufen. Ein solcher Zwang ist wider das Naturrecht. Jeder Mensch ist als freier Mensch geboren. Dieses Recht des Menschen achten heißt, diese seine natürliche Gestalt und deren immanente Gesetzlichkeit respektieren. So gehört es zum Beispiel zur Natur des Menschen, dass sie ererbt wird von einem bestimmten Elternpaar und nicht einer Samenbank entstammt. Das wäre wider die Natur und damit gegen die Würde des Menschen.

Für die meisten Rechtsgelehrten heute existiert so etwas wie Naturrecht nicht mehr. Naturrecht setzt die Existenz von Wahrheit voraus. Doch Wahrheit im Sinne von Gottes offenbartem Wort wird heute nicht mehr akzeptiert. Wahrheit ist relativ geworden.

Der Begriff des Natürlichen im Recht wurde bereits von Platon (427-347 v. Chr.) und seinem Schüler Aristoteles (384-322 v. Chr.) definiert. Ein Mensch, so sagen sie, kann Wahrheit erkennen. Man soll sich dabei von seiner Intuition leiten lassen, die auf Vernunft gegründet sein muss. Aristoteles: "Intuitiver Verstand ist eine Gabe der Natur". Später haben die Römer diese Ansichten in ihrem Rechtssystem verankert. Bekannte Fürsprecher waren Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) und Domitius Ulpianus (170-228). Nach Cicero war der göttliche Sinn höchstes Gesetz: "Die Gesetze müssen mit der Natur in Einklang stehen. Der Schöpfer ist der Grund dieses Rechts. Wer ihn selber leugnet, wird sich selbst bestrafen und zerstören."

Richtig angewandtes Naturrecht ist untrennbar mit dem Glauben und dem Erkennen von Wahrheit verbunden. Es gilt das Wort von Matthias Claudius (1740-1815): "Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten."

Mit Beginn der Aufklärung löste sich die Verbindung von Naturrecht und Glauben zusehends auf. Als eine der treibenden Kräfte galt der Jurist und Philosoph Christian Thomasius (1655-1728); er war Vorkämpfer für eine Verweltlichung des Naturrechts. Immanuel Kant (1724-1804) ging diesen Weg konsequent weiter und vollzog mit seiner Lehre die endgültige Trennung. Kant gilt heute als der Gründer des Wissenschaftsideals und für die Gelehrten gilt: Kein Weg führt hinter Kant zurück.


Homo homini lupus

Was Naturrecht meint, ist heute vielfach Verfassungsbestandteil. Artikel eins des Grundgesetzes lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar und § 16 des Österreichischen Bürgerlichen Gesetzbuches lautet: Jeder Mensch hat angeborene, durch die Vernunft eingegebene Rechte. Gleichwohl werden diese Paragraphen heute nach Belieben ausgehöhlt. Wer Gott leugnet, schwingt sich nur allzu gern selbst zum Herren über Leben und Tod auf. Immer häufiger zu hören sind Stimmen, die statt Menschen- Personenrechte fordern und auf diese Weise Abtreibungen auch nach dem dritten Monat möglich machen wollen. Und längst besteht in dem, was Menschsein eigentlich heißt, kein klarer Unterschied mehr zwischen etwas und jemand. So spricht man in der Wirtschaft nicht mehr von Menschen sondern von Human Resources. Der Mensch als Ware, die nach Gutdünken hin und her geschoben und manipuliert werden kann.

Papst Johannes Paul II. ruft daher zur Umkehr, wenn er fordert, dass wir uns bewußt anstrengen müssen, damit wir Naturrechte erkennen. Dabei sei das Licht des Verstehens entscheidend, das Gott in uns eingegossen hat.

Dr. Haiber