Infobrief aus dem Jahr 1997 - Nr. II
Liebe Freunde !
Vor einigen Jahren war eine bekannte katholische Organisation heftigen Angriffen ausgesetzt. Die Kritik richtete sich vor allem gegen ihre Jugenderziehung. Die beiden hauptsächlichen Vorwürfe waren sinngemäß die folgenden:
1. Den Jugendlichen wird ein Ideal von geschlechtlicher Enthaltsamkeit eingeimpft, das wohl für künftige Priester und Ordensleute paßt, nicht aber für „normale Menschen", die ihr Leben einmal in einer partnerschaftlichen Verbindung gestalten wollen. So werden die jungen Leute vorzeitig festgelegt und fühlen sich auf einen Weg gedrängt, der wahrscheinlich gar nicht der ihre ist.
2. Man stellt den Jugendlichen vieles, was heute gang und gäbe ist, als sündhaft dar und droht mit Gottes Strafen. Dadurch nimmt man ihnen die Lebensfreude. Die Zeit vor dem Erwachsenwerden ist nun einmal eine Zeit der Entdeckungen und Erfahrungen. Da gilt das Motto des Poesiealbumspruchs: „O nütze der Jugend schöne Stunden, sie wissen nichts von Wiederkehr; einmal entflohen, einmal entschwunden, zurück kehrt keine Jugend mehr!" Stattdessen werden die Jugendlichen in dieser katholischen Vereinigung durch autoritäre Maßnahmen eingeschnürt und können sich nicht richtig entfalten. Es handelt sich bei derartiger Jugenderziehung um Freiheitsberaubung, wie sie dem Stil der Sekten, nicht aber dem Geist Jesu Christi entspricht.
Soweit die Kritikpunkte. Was läßt sich eigentlich zu derartigen Vorwürfen sagen? Bestehen sie denn nicht zu recht, wenigstens teilweise? Tatsache ist doch, daß man die unterschiedlichen Jugendlichen mit ihren ganz individuellen Berufungen nicht einfach über einen Kamm scheren darf. Ein junger Mensch, der sich zu einem Gott geweihten, ehelosen Leben berufen fühlt, verbringt normalerweise seine Jugendtage anders als einer, der einmal heiraten möchte. Und auch bei denen, die ihre Bestimmung im Priester- oder Ordensstand sehen, sind Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht nicht nur unvermeidbar, sondern sogar notwendig und gut.
Muß eine christliche Pädagogik diesen Tatsachen nicht Rechnung tragen? Peitsche und Scheuklappen mögen bei manchen ungezähmten Tieren geeignete Mittel sein, um ihre Wildheit zu bändigen. Aber darf man auch junge Menschen so behandeln - mit der Peitsche der Drohungen und mit Scheuklappen, die die lebendige, farbenfrohe Welt aus dem Gesichtsfeld ausblenden und den Blick auf einen einzigen Weg - einen unter tausenden! - einengen ...? Sollte man in der Jugendarbeit nicht viel mehr das Verantwortungsbewußtsein und die Freiheit der jungen Leute ansprechen und sie selbst ihre Erfahrungen - auch auf dem Gebiet der Geschlechtlichkeit - machen lassen, aus denen sie dann lernen können?
Liebe Freunde, das hört sich vielleicht gar nicht so schlecht an. Sehen wir jedoch genauer hin, stellen wir alsbald fest, daß, bei aller Richtigkeit einzelner Aussagen, die Voraussetzungen dieser Kritik nicht zutreffen. Es ist eben einfach nicht wahr (und wird auch durch häufige Wiederholungen nicht wahrer), daß die Folgen der Erziehung zur Keuschheit eine falsche Vereinheitlichung und die Beraubung der Freiheit sind. Genau das Gegenteil ist der Fall: Erziehung zur Keuschheit ist Erziehung zu Individualität und Freiheit.
Ein Beispiel: Auf ein Blatt Papier läßt sich die bunte Vielfalt von Farben und Formen auftragen, solange es weiß geblieben ist. In diesem Zustand besitzt es eine Offenheit für die Verwirklichung aller Ideen des Künstlers. Er kann es mit Bleistift oder Kohle, mit Wasser- oder Ölfarben bemalen, kann es für ein Portrait oder eine Landschaft, ein Stilleben oder ein abstraktes Gebilde benutzen. Hat hingegen schon jemand den Pinsel auf dem Blatt geschwungen, so ist das alles nicht mehr ohne weiteres möglich. Vielleicht kann das Papier noch mit einem Spezialverfahren gereinigt werden. Die ursprüngliche Frische aber wird es bestimmt nicht wiedererlangen.
Ähnlich verhält es sich nun auch mit der vorehelichen Reinheit. Wer seine Jugend in geschlechtlicher Enthaltsamkeit verbracht hat, ist sozusagen ein „unbeschriebenes Blatt". Er ist offen für ein eheliches wie für ein Gott geweihtes Leben. Mit uneingeschränkter Freiheit kann er, der bisher noch niemandem gehörte, sich verschenken an den geliebten Menschen (und durch diesen an Gott) oder unmittelbar an Gott (und durch Ihn an alle Menschen). Die bewahrte Keuschheit ist bewahrte Freiheit.
Wer sich hingegen auf dem sexuellen Gebiet gegen die Ordnung Gottes vergeht, büßt immer an Freiheit ein. Im vorehelichen Geschlechtsverkehr wird das vorweggenommen, was in der Ehe Ausdruck der tiefsten, rückhaltlosen Vereinigung zweier Personen für ein ganzes Leben ist. Die Kirche hat wichtige Gründe, warum sie auf der Ordnung Gottes in diesem Bereich besteht. Einer der Gründe ist die Tatsache, daß der Mensch beim vorehelichen Geschlechtsverkehr die Fähigkeit zu einer wirklich aufrichtigen und vollständigen Hingabe verspielt. Ohne diese Fähigkeit gibt es weder in der ehelichen noch in der ehelosen Liebe echte Erfüllung.
Wer bestimmte „Erfahrungen" nicht gemacht hat, von denen in den Jugendzeitschriften so lang und breit geschrieben wird, hat dadurch nichts verloren, sondern nur gewonnen. Besser kann man sich auf beide christliche Lebensformen, auf die Ehe und das Gott geweihte Leben, nicht vorbereiten als dadurch, daß man ein „unbeschriebenes Blatt" bleibt. In dieser Beziehung soll die Jugend der späteren Mutter und der zukünftigen Ordensschwester, des zum Priestertum Berufenen und des angehenden Familienvaters nicht wesentlich verschieden sein.
Das soll nun nicht heißen, daß mit einer Verfehlung gegen das sechste Gebot Gottes schon alles, die innere Freiheit und die Fähigkeit zur Liebe, dahin wäre. Hier hinkt der Vergleich mit dem „unbeschriebenen Blatt" ein wenig. Ihr wißt ja, daß Jesus Christus uns jederzeit Sein erlösendes Wirken anbietet. In der heiligen Beichte fließt Sein Blut in unser Herz und unsere Seele, um alles neu zu machen. Auch das schmutzigste Blatt kann also wieder schneeweiß werden und empfänglich für die feinsten Bemalungen des großen Künstlers! (Von der Bedeutung des Bußsakramentes für unser Leben mit Gott und insbesondere auch für die Reinheit will ich Euch in einem der nächsten Briefe schreiben.)
Und doch sind unser guter Wille und unsere Bemühungen gefragt, damit uns Gott unserer Berufung zuführen kann. In diesem Zusammenhang ist dann auch der Hinweis auf Sünde und Strafe, von dem man heute sagt, er mache aus der „Frohbotschaft" eine „Drohbotschaft", berechtigt. Die Erinnerung an die ernste Wahrheit, daß es sich bei den Verfehlungen gegen die Reinheit um schwerwiegende Sünden handelt, die unser ewiges Leben in Gefahr bringen oder ganz zerstören, ist uns in Situationen der Prüfung und Versuchung sicherlich ein Ansporn in die richtige Richtung. Wer den Hinweis auf Sünde und Strafe für ein schlechtes Erziehungsmittel hält, der müßte es auch ablehnen, Rauchern und Trinkern die Folgen ihrer Sucht aufzuzeigen.
Übrigens lehrt die Erfahrung, daß die „Drohbotschaft" sehr rasch eine immer geringere Rolle spielt, wenn sich jemand wirklich um ein Leben nach Gottes Willen bemüht. Dann wächst die Freude über die „Frohbotschaft" mehr und mehr, und man fühlt sich dazu angetrieben, das kostbare Gut des reinen Gewissens und des freien, leichten Herzens nicht zu verschleudern. Man muß nur einmal den Anfang machen!
Mit besten Wünschen und priesterlichem Segensgruß bleibe ich
Euer
P. Bernward Deneke
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