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Worauf es ankommt

Existentielle Aspekte zur Diskussion um Hirntod und Organtransplantation

von Dr. med. Trautemaria Blechschmidt

 

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Bei der Diskussion um Hirntod und Organtransplantation fällt auf, dass nicht der Mensch in seiner letzten Stunde, der Sterbende, im Blickfeld steht, sondern die Frage seiner Manipulierbarkeit, der Manipulierbarkeit eines Menschen, der für tot erklärt wurde, eines `sogenannten Toten´. Nicht ehrfürchtiger Stille soll Raum gegeben werden, sondern es wird nach Machbarkeiten und den Kriterien für ihre Erlaubtest gefragt.

Bisher trat der Tod ein und wurde als solcher festgestellt. Heute setzen wir fest, wann der Mensch tot ist (oder - in Zukunft - tot zu sein hat?). Der Mensch selbst - demnächst vielleicht die Gesellschaft - bestimmt und reglementiert das Ende des Menschen unter vorgeblich humanitären Gesichtspunkten nach Kosten/Nutzen-Rechnungen im weitesten Sinn. Möglicherweise zunächst noch als Unrecht, aber nach Beratung straffrei. Das ähnelt in fataler Weise Sätzen wie: `Wir bestimmen, wann menschliches Leben beginnt und ob wir es wollen oder nicht.´

Zeigt sich hier zutiefst eine Leugnung des Menschen als Geschöpf Gottes, der doch als solcher für den anderen unverfügbar wäre? Wenn die Seele der Träger des Menschseins ist und Leib und Seele eine so immanente Einheit bilden, dass wir nur bei einer Trennung beider vom Tod des Menschen sprechen, dann muss unter dieser Rücksicht darauf hingewiesen werden, dass nicht der Ausfall nur eines Organs, beispielsweise des Gehirns, den Tod des Menschen verursacht, sondern die Trennung von Leib und Seele.

In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass der Begriff `tot´, der bisher nur auf den ganzen Menschen angewandt wurde, jetzt für ein einzelnes Organ benutzt wird. Das ist einmalig in der Medizin, das hat es noch nie gegeben. Ein Organ `fällt aus´, es `versagt´, seine Funktion `erlischt´, es `stirbt ab´. Ein Arm ist `wie tot´, wenn ein Nerv abgeklemmt ist. Gewebe kann `absterben´, aber nicht sterben. Auch mit dem Begriff `Herztod´ wird nicht der Tod des Herzens beschrieben, sondern der Tod des ganzen Menschen durch Herzversagen. Würde der Begriff Hirntod in dem gleichen Sinne gebraucht wie Herztod, hieße dies: der Tod des Menschen ist durch Hirnversagen eingetreten. Das ist aber weder der Fall noch gemeint, denn der Mensch lebt noch. Mit dem Hirntod wird nicht der Tod des Menschen festgestellt, sondern nur der scheinbare Tod des Gehirns, während der Mensch noch lebt. Der Sterbende wird am Leben erhalten, muss es sogar, weil seine Organe nach eingetretenem Tod nicht mehr verwendet werden könnten. Der Mensch wird lediglich für Tod erklärt (nach Kriterien, die eine Kommission festsetzte).

Diese Begriffsveränderung, die fast unbemerkt in den Sprachgebrauch übergegangen ist, legt den Verdacht nahe, dass die Formulierung `Tod des Gehirns´ bewusst gewählt wurde, um den Gedanken `Tod des ganzen Menschen´ implizit nahezubringen.

Organe des als tot Erklärten werden transplantiert, `verschenkt´, versorgt, statt dass der Sterbende und insbesondere seine Seele umsorgt wird. Wir glauben, dass die Seele unsterblich ist, und wir glauben auch, dass sie immer wesenhaft vollkommen ist, auch im Tode. Sie vermag sich nur nicht mehr wie bisher durch den Organismus auszudrücken. Was jedoch für den Anfang der Entwicklung gilt, dass der Mensch eine Leib-Seele-Einheit ist, auch wenn das Gehirn in den ersten zehn Tagen noch nicht erkennbar ist und in den nächsten Wochen noch keine Hirnströme nachgewiesen werden können, das muss auch für das Ende des Lebens gelten, wenn das Gehirn nicht mehr apparativ demonstrierbar funktioniert und die Ausdrucksmöglichkeiten geist-seelischer Funktionen fehlen oder ihr Nachweis unmöglich ist: der Mensch - Einheit von Leib und Seele, solange er lebt.

Es käme deshalb darauf an, den Sterbenden in seiner `letzten Stunde´ - und seien es nur Minuten - zu begleiten durch Gebet und Segenshandlungen, die er selbst äußerlich nicht mehr vollziehen kann, und die Sterbestunde als geheiligt zu bekennen, geheiligt durch die Nähe Gottes. Darf diese entscheidende Stunde gestört werden durch technische Manipulationen in der kalten Sterilität eines Operationssaales unter dem gleißenden Lampenlicht, eine Stunde, von der wir nicht wissen, sondern nur ahnen können, was in ihr geschieht?

(Von weiteren möglichen Szenarien bei Lebenderhaltung eines für tot Erklärten soll hier nicht die Rede sein.)

Dass die Seele sich, wenn der sogenannte Hirntod festgestellt ist, bereits vom Leib getrennt hätte und der Mensch damit wirklich als tot bezeichnet werden dürfte, ist nicht erwiesen und auch (bisher) nicht beweisbar. Daher gilt das Wort von Reinhard Löw: "Wenn ein Jäger auf einer Bergkuppe eine Bewegung sieht und nicht erkennen kann, ob es eine Gemse oder ein Mensch ist, darf er nicht schießen."

Bei der Hirntodproblematik und tötenden Transplantation geht es in erster Linie darum, ob ein Mensch über Anfang und Ende seines Lebens oder das eines anderen entscheiden darf, selbst unter dem Motto `Humanität´, aber auch in besonderer Weise um die Ehrfurcht in der Stunde, in der eine Menschenseele vor das Angesicht Gottes gerufen wird, um begleitendes Gebet und Segenshandlungen. Es geht darum, ob wir in aller Demut Gottes Willen akzeptieren, der uns Wege führt, die wir zwar oft nicht verstehen, die immer aber Heils-Wege sind.


Der vorstehende Text ist mit freundlicher Genehmigung der Autorin entnommen aus: "Zur Problematik von Hirntod und Transplantation", Remigius Bäumer/Alma von Stockhausen (Hrsg.), Gustav-Siewerth-Akademie, Weilheim-Bierbronnen, 1. Auflage 1998.


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