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Folge eines gewandelten Menschenbildes

von S. k. H. Dr. Otto v. Habsburg


Die im folgenden wiedergegebene Rede hielt Dr. Otto von Habsburg anlässlich eines Symposiums zum Thema "Euthanasie" im Europaparlament, das 1993 vom "Straßburger Gesprächskreis" veranstaltet wurde. Dr. Otto von Habsburg ist Europa-Abgeordneter in Straßburg und Mitglied im Beirat des WIESE-Institutes.


 

Europa - ein sterbender Erdteil

Ich möchte hier einige Bemerkungen aus der Perspektive des Politikers zu den Fragen der Euthanasie und des Lebens machen. Dabei möchte ich davon ausgehen, dass wir, als Europäer, uns darüber im klaren sind, dass wir ein sterbender Erdteil sind. Sie brauchen sich nur die Bevölkerungspyramide anzuschauen. Und das alles ist meines Erachtens die Folge des total gewandelten Menschenbildes.

 

Gott spielt keine Rolle mehr

Vor noch nicht allzu langer Zeit ist in vielen Teilen der Welt der Mensch noch als ein Geschöpf Gottes betrachtet worden. Wie wenig aber spielt Gott noch eine Rolle in unserer Gesellschaft? Das bei uns vorherrschende Menschenbild ist lediglich ein Zerrbild dessen, was es sein soll. In diesem Sinne hängen Abtreibung und Euthanasie engstens zusammen. Denn der Mensch wird hier als das behandelt, wofür ihn die Philosophie heute sozusagen betrachtet, nämlich als Gegenstand einer großen Produktions- und Konsummaschine ohne Seele, ohne die viel höhere Weihe und Berufung, die tatsächlich dem Menschen gehört.

Ja, ich gehe sogar soweit: Wenn wir uns mit Recht immer wieder über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufregen und hierüber das Urteil fällen, so möchte ich doch nur eines dazu sagen: Hitler ist halt 50 Jahre zu früh auf die Welt gekommen. Heute wäre er Direktor einer Abtreibungsklinik, oder er wäre einer jener, die die Euthanasie bei uns durchzusetzen versuchen. Daher ist vieles, was heute über die Vergangenheit gesagt wird, eigentlich doch nichts anderes als Heuchelei.

 

Rückkehr zur Menschenwürde

Meine Damen und Herren, unsere Zivilisation wird, wenn sie so weitergeht - und das wird gar nicht mehr sehr lange dauern - verschwinden. Schauen wir nur nach dem, was sich heute in Bosnien-Herzegowina abspielt, so wissen wir die praktischen Folgen. Die ethnische Säuberung, die Massenvergewaltigung der Frauen, das alles ist doch die Folge dieses verfälschten Menschenbildes, das nunmehr bei uns besteht. Das ist die große Gefahr, die unserem Erdteil droht. In diesem Sinne glaube ich, dass es in Wirklichkeit nur eine ganz wesentliche Sache gibt, um dieses Europa und diese Zivilisation von einer ansonsten drohenden Katastrophe zu retten: Wieder zurückzukehren zum richtigen Menschenbild. Also dem Menschen wieder seine inhärente Würde zuzugestehen, die man ihm heute in unserer Gesellschaft zunehmend abspricht.

 

Bald entscheiden Gremien

Man braucht sich nur die Gedanken von Prof. Schwarzenberg anzuschauen, der Mitglied des Europäischen Parlamentes ist, um zu wissen, wo dies alles hinführt. Er betrachtet ja auch schon den Menschen nur mehr als einen Gegenstand, auch wenn er heute noch sagt, dass der Kranke selbst erklären muss, ob er umgebracht werden will oder nicht.

Ich habe den Hintergrund dieser Politik verfolgt. Ich bin der Überzeugung, dass, ist die Euthanasie erst einmal eingeführt, sehr bald ein Gremium gebildet wird, welches dann über Leben und Tod entscheidet. Wir werden dann langsam und sicher zu jener Vernichtung des so genannten lebensunwürdigen Lebens kommen, die eben am Anfang dieser letzten Phase unserer Entwicklung im Dritten Reich durchgeführt worden ist.

Und in diesem Sinne glaube ich, dass es unsere ganz wesentliche Aufgabe ist, für die Würde des Menschen zu kämpfen.

  

Christus im Zentrum

Ich bin in meinem Leben sehr viel in der Welt herumgekommen, und ich kann Ihnen nur sagen, allein schon unser Straßenbild zeigt, was unsere Zivilisation ist. Schauen Sie, wenn Sie aus Europa weggehen, was finden Sie in den Städten? Städte, die entweder durch Großbanken beherrscht sind oder durch irgendwelche Verwaltungssilos. Bei uns sind noch die Kathedralen im Zentrum, da ist noch die Seele und der Geist im Zentrum. Und das ist das Eigentliche, das wir hier zu verteidigen haben.

  

Christus allein ist Richter

Ich möchte hier Ihre Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen, ich weiß, dass Sie weiterarbeiten wollen, ich wollte nur diese Gedanken bei Ihnen lassen, denn für mich als Politiker ist dies das Zentralproblem. Wir müssen dem Menschen seine Würde als Geschöpf Gottes wieder zugestehen, und das ist die Problematik, in der Frage der Abtreibung genauso wie in der Frage der Euthanasie.

Und vielleicht ist es symbolisch, dass dieses Problem sich am Anfang und am Ende des Lebens zeigt, dass es sozusagen das ganze Leben umfasst. Schließlich wissen wir ja, der entscheidende Tag in unserem Leben ist doch der letzte Tag. Er ist und bleibt der Höhepunkt, denn da werden wir Rechenschaft ablegen über das, was wir getan haben. Solange wir leben, können wir immer wieder alles korrigieren. Der Tod allerdings ist endgültig, da haben wir alle einzeln Rechenschaft abzulegen, und darum ist es ja auch so wichtig, dass wir uns mit diesem Problem, gerade in der Perspektive des Lebens, gerade in der Perspektive der Aktualität befassen.

Wir sind zwar heute eine Minderheit in diesem Parlament, aber wir werden alles tun, um aus dieser Minderheit einmal eine Mehrheit zu machen. Jedenfalls werden wir alles tun, um zu verteidigen, was unser gemeinsames Ideal ist. Ich danke Ihnen.


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