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Fremd-/Gastbeiträge |
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Ein interessanter Beitrag der Bundestagsabgeordneten
Christa Nickels (BÜNDNIS 90/DIE RÜNEN)
bei der 163. Sitzung in Berlin am 10. März
2005:
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Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen!
"Alte, gebt den Löffel ab!", das war der Kommentar
des Jungliberalen Dittrich zum Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.
Nein, er habe natürlich mitnichten einen rotzfrechen Appell zum pflegekassen-
und erbenfreundlichen Frühableben beabsichtigt, sondern alles ganz harmlos und
anders gemeint. Aber dieser vergiftete Pfeil haftet mit Widerhaken und er
verstärkt die unterschwellige böse Botschaft, der sich Alte, schwer und
chronisch Kranke täglich ausgesetzt fühlen, wenn sie auf allen Kanälen und
Sendern und in Zeitungen mit immer neuen Meldungen von explodierenden
Pflegekosten, der so genannten Vergreisung der Gesellschaft und Pflegenotständen
konfrontiert werden. Sie sehen sich einem aggressiven Jugend- und
Vollkommenheitswahn ausgesetzt, in dem ein gutes Leben im Rollstuhl, als
Demenzkranker oder - wie Sie hier sehr eindrucksvoll gesagt haben, Herr Kollege
Rachel - als Sterbender völlig zu Unrecht überhaupt nicht mehr vorstellbar
erscheint.
Viele alte Menschen haben dieses gesellschaftlich
vermittelte Zerrbild bereits verinnerlicht. Genau in diesem Sinne haben mir
etliche alte Leute geschrieben, daß ein Leben als schwer Pflegebedürftiger oder
Demenzkranker nicht lebenswert sei und viel Geld zur Betreuung verschlinge, für
das die Gesellschaft, ihre eigenen Kinder und Enkelkinder sinnvollere
Verwendungsmöglichkeiten hätten. Das zu lesen tut mir ziemlich weh.
Die allermeisten Menschen wünschen sich ein
Sterben ohne unnötige Leiden und Schmerzen zu Hause, pflegerisch und medizinisch
gut betreut im Kreise vertrauter und lieber Menschen. Aber ganz im Widerspruch
zu diesem dringlichsten aller Wünsche sterben die meisten in Krankenhäusern oder
anderen Einrichtungen. Mit dem Tod hat die Gesellschaft auch die Sterbenden aus
ihrer Mitte verbannt.
Schon der Philosoph Walter Benjamin hat darauf
hingewiesen, daß die bürgerliche Gesellschaft ihren Mitgliedern die Möglichkeit
verschafft hat, sich dem Anblick von Sterbenden zu entziehen. Er schrieb:
Ehemals kein Haus, kaum ein Zimmer, in dem nicht schon einmal jemand gestorben
war. Heute sind die Bürger in Räumen, welche rein vom Sterben geblieben sind,
Trockenwohner der Ewigkeit, und sie werden, wenn es mit ihnen zu Ende geht, von
den Erben in Sanatorien oder in Krankenhäusern verstaut. Das Wissen darum, daß
wir alle einmal sterben müssen, steht im schroffen Gegensatz zum weit
verbreiteten Unwissen über Tod und Sterben und macht uns anfällig für
vermeintlich klare und eindeutige Auswege aus diesem Dilemma. Nur vor diesem
Hintergrund ist überhaupt zu verstehen, warum viele Menschen eine verbindliche
Patientenverfügung, die ohne jede Begrenzung auch für den Abbruch
lebenserhaltender Maßnahmen bei nicht tödlich verlaufenden Krankheiten gelten
soll, für den Königsweg zum Sterben in Autonomie und Selbstbestimmung halten.
Begriffe wie Selbstbestimmung und Autonomie
suggerieren, daß das eigene Sterben mit einer Mentalität angegangen werden
könne, die der Karriereplanung entspricht. Jeder, der jemals mit Kranken, schwer
Pflegebedürftigen, Gehandicapten oder Sterbenden zu tun hatte, weiß, daß das
völlig lebensfremd ist.
Frau Ministerin Zypries, Sie wurden in einem
Interview mit der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" am 18. November 2004 mit
dem Beispiel eines jungen, sportlichen Menschen konfrontiert, der vorausverfügt,
daß bei ihm nach einem schweren Unfall mit Querschnittslähmung alle
lebenserhaltenden Maßnahmen abgebrochen werden müssen, weil er nicht im
Rollstuhl sitzen will. Die Frage, ob das umzusetzen sei, bejahten Sie: Wenn es
eine völlig eindeutige Verfügung ist und die Eltern diese nur nicht akzeptieren
wollen, haben sie keine rechtlichen Möglichkeiten.
Ich frage mich: Wie können Lebenspartner, Kinder
oder Eltern mit solch einem Handeln weiterleben? In welche Rolle werden Ärzte
und Pflegende gedrängt, deren Aufgabe das Helfen, Heilen, Lindern sowie die
tägliche Pflege und Versorgung ist? In diesem Beruf erlebt man tagtäglich, daß
Menschen, wenn sie ansprechbar und bei Bewußtsein sind, auch in schwierigsten
Situationen, um Beispiel einer Querschnittslähmung, zusammen mit ihren Ärzten
und Verwandten durchaus Mut machende neue Lebensperspektiven entwickeln.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der CDU/CSU)
Besonders für Demenzkranke und Wachkomapatienten
wird immer wieder die Möglichkeit einer Einstellung der Ernährung eingefordert.
Die Kollegen Röspel und Rachel haben schon darauf hingewiesen. Ich habe 13 Jahre
als Krankenschwester gearbeitet, überwiegend auf einer internistischen
Intensivstation. Wir wissen aus der Palliativmedizin, daß in der Sterbephase
Ernährung nicht angezeigt ist, weil sie eher Unwohlsein und Unbehagen beim
Patienten verursacht. Wir wissen aber nicht, wie eine Einstellung der
künstlichen Ernährung zu einem früheren Zeitpunkt, deutlich vor der Sterbephase,
vom Patienten erlebt wird. Ganz klar sind aber die körperlichen Folgen: Die
Einstellung der Ernährung hätte den Tod des Patienten nach Wochen, wenn sowohl
die Ernährung als auch die Flüssigkeitsgabe eingestellt wird, oder - bei
Fortsetzung der Flüssigkeitsgabe - bis zu Monaten zur Folge. Im Klartext heißt
das: Verhungern und Verdursten. Ich bin als Krankenschwester nie in eine solche
Lage gekommen. Es ist für mich schlechterdings unvorstellbar, daß eine
Patientenverfügung dies in Zukunft möglich machen könnte. (Beifall beim
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)
Wie sollen wir Bundestagsabgeordnete den
Schwestern und Pflegern klar machen, daß es zukünftig zu ihren Aufgaben gehören
soll, Menschen zu pflegen und sie gleichzeitig über Wochen verhungern zu sehen?
Wer je Wachkomapatienten gepflegt hat - ich habe sie gepflegt -, erkennt an
vielen Zeichen, ob er und sie sich wohl fühlt oder ob dem Betreffenden etwas
fehlt. Was soll das für ein ärztliches Ethos sein, wenn Ärzte gesetzlich
gezwungen würden, so etwas anzuordnen? Was soll aus einer Gesellschaft werden,
die im Namen von vorgeblicher Autonomie und Selbstbestimmung nicht
Einwilligungsfähige auf solche Art und Weise dem jämmerlichen Verhungern und
Verdursten anheim gibt?
Frau Ministerin Zypries und Herr Kauch, niemand im
Bundestag verwechselt aktive und passive Sterbehilfe. Ich brauche aber kein
Prophet zu sein, um vorherzusagen: Wenn in unseren Heimen und Krankenhäusern
Menschen auf diese Art und Weise verhungern und verdursten, dann wird der Ruf
nach aktiver Sterbehilfe sofort laut erschallen. Das ist ganz klar. (Beifall
beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)
Trotz aller Probleme gehören wir zu den reichsten
Ländern der Erde. Aber da, wo es um Krankheit, Alter und Sterben geht, haben wir
noch beschämend viel zu tun. Glücklicherweise gibt es seit Jahren eine langsam,
aber stetig wachsende Bürgerbewegung für ein menschenwürdiges Leben bis zum
letzten Atemzug, maßgeblich bewegt von den Hospizvereinen. Den Hospizvereinen,
denjenigen, die die Menschen pflegen und einen großen Teil ihrer eigenen
Lebensqualität zurückstellen, weil es ihnen wichtig ist, daß Menschen in unserer
Gesellschaft in Würde und gut aufgehoben krank sein und sterben können, schulden
wir sehr viel Dank. Ich glaube, diesen Dank sollten wir alle immer wieder auch
bei unserer Wahlkreisarbeit aussprechen. Das will ich auch hier tun: Vielen
herzlichen Dank! (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, bei der SPD und der
CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)
Diese beruflich oder ehrenamtlich Tätigen und die Familienangehörigen sollten wissen: Sie haben im Parlament gute Bündnispartner, die wirklich notwendigen, überfälligen Maßnahmen in Angriff zu nehmen. Eine davon - aber nicht die bedeutendste - ist die Verbesserung der Patientenverfügung als wichtiges Indiz für den Willen der Patienten. Das heißt aber auf gar keinen Fall, die Patientenverfügung zum Goldenen Kalb der Patientenautonomie aufzublasen und sie zu vergötzen. Danke schön. (Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)
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