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Das "Biogenetische Grundgesetz" von Ernst Haeckel wird auch heute noch vielfach zugrundegelegt, wenn über den Beginn des menschlichen Lebens gesprochen wird. Der bekannte Humanembryologe und Anatom Prof. Dr. Erich Blechschmidt antwortet auf aktuelle Fragen.
Naturgesetz oder Irrtum?
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Befruchtete Eizelle
Wie und wann beginnt das Leben eines Menschen? Dr.
med. Erich Blechschmidt, Professor für Anatomie, 1942-1973 Direktor
des Anatomischen Instituts der Universität Göttingen, hat wie kein
anderer die frühen vorgeburtlichen Stadien des Menschen untersucht. Er
hat die nach ihm benannte `Humanembryologische Dokumentationssammlung´
in Göttingen aufgebaut und mit ihr die Humanembryologie morphologisch
begründet. Diese Sammlung ist die einzige dieser Art und wegen ihrer
komplizierten Herstellungstechnik nicht reproduzierbar. Neben etwa 200
Facharbeiten in wissenschaftlichen Zeitschriften hat er in einem Dutzend
Bücher die vorgeburtlichen Entwicklungsstadien des Menschen aufgezeigt.
Im nun folgenden Interview (veröffentlicht im PUR-Magazin, 5. Jahrgang,
Nr. 2, 26.1.1991, Friedrich Wirth Str. 4, 88353 Kisslegg) antwortet
Prof. Blechschmidt auf grundlegende Fragen. Gerade in der Diskussion um
die Abtreibung sind seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse von
allergrößter Bedeutung.
Früheste Entwicklungsphase nach der Befruchtung
FRAGE: Die Kernfrage an den Humanembryologen: Entwickelt sich ein Mensch im Mutterleib zum Menschen oder ist er vollwertiger Mensch von Anfang an, ab dem Zeitpunkt der Befruchtung?
Prof. Dr. Blechschmidt: Das kann man nur so beantworten: Er
entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern von vornherein als Mensch
und zwar nicht als Typus Mensch, der allmählich erst individueller
würde, sondern als ein bestimmter Mensch, der später einmal mit Recht
einen bestimmten Namen bekommt, also von Anfang an den Charakter der
Unverwechselbarkeit besitzt.
Zweizellstadium, 1. Furchung |
FRAGE: Sie gelten als derjenige, der glaubwürdig und gültig das biogenetische Grundgesetz von Ernst Haeckel widerlegt hat, der 1866 behauptete, der Mensch mache in seiner Embryonalentwicklung verschiedene Tierstadien durch.
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Zellteilung, Achtzeller |
FRAGE: Wie erklären Sie sich, daß immer noch in Schulbüchern das "Biogenetische Grundgesetz" gelehrt wird?
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Maulbeerstadium |
FRAGE: Sie glauben nicht, daß die Personalität und die "Beseelung" des Menschen in seiner Entwicklung irgendwann entsteht, daß dem ungeborenen Kind irgendwann etwas Besonderes hinzugegeben wird, das es zum Menschen macht.
Ich habe meinen Studenten immer wieder gesagt, wenn ihr sehen wollt, was der Mensch eigentlich ist, braucht ihr nicht die Erwachsenen anzusehen, denn sie sind doch irgendwie durch Mode und Gepflogenheit geprägt, seht euch besser einen jungen Menschen, einen Embryo an, da ist das Menschliche besonders deutlich. Der Ungeborene ist in jedem Augenblick seiner Entwicklung voller Ursprünglichkeit und Echtheit; Imitation gibt es bei ihm nicht. - Dieses wesentliche Menschliche, das über das rein Biologische hinausgeht, wird getragen von der Seele. Wer nur nackte Fakten, Quantitäten, zur Kenntnis nehmen will, übersieht die Qualität und geht damit am Wesentlichen, nämlich am Wesen des Menschen vorbei. Natürlich kann man die Seele nicht auf die Waage legen, man muß letztlich glauben, daß der Mensch eine Seele hat. Wenn man aber an die Seele glaubt, dann muß man sie wirklich von der Befruchtung an akzeptieren, weil die Humanembryologie nachweisen kann, daß jede Verhaltensweise des Menschen in der ganzen Entwicklung charakteristisch menschlich ist. |
Embryo, 7.Woche |
FRAGE: Was empfindet ein Humanembryologe, wenn der Herausgeber des Spiegel dem Embryo in den ersten Wochen das Menschsein abzusprechen versucht, oder wenn vor ein paar Jahren der höchste deutsche Richter meinte, das ungeborene Kind sei nicht mehr als ein "himbeerähnliches Gewebe"?
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FRAGE: Besonders aus den USA werden immer wieder Fälle bekannt, wo Ärzte mit lebenden Feten, die 3-4 Monate alt sind, Experimente machen. Halten Sie das für ethisch erlaubt?
Prof. Dr. Blechschmidt: Ich halte es für Unsinn von vornherein und
für ethisch gar nicht diskutierbar. Es gibt zwar die Laienvorstellung,
wahr sei nur, was experimentell gesichert ist. Das ist aber ein grobes
Vorurteil.
Embryo, 6.-7.Woche Fruchtblase in der Hand gehalten |
FRAGE: Es ist im vergangenen Jahr der Verdacht gegen Sie erhoben worden, Sie selbst hätten Lebendexperimente an menschlichen Embryonen durchgeführt.
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FRAGE: Warum halten Sie Experimente an lebenden Embryonen ethisch für unerlaubt?
Prof. Dr. Blechschmidt: Weil der Mensch nicht über den Menschen
verfügen und ihn zum Zweck für etwas - als Objekt - benutzen darf. Der
Mensch ist dem Menschen zur Sorge und zum Behüten anvertraut, aber
nicht zum Verwerten oder gar Töten. Er ist Geschöpf Gottes und hat
Menschenwürde ja nicht deshalb, weil wir biologisch ein bißchen anders
sind als ein Affe, sondern weil wir Abbild Gottes sind. Die genannten
Experimente sind vermutlich zu 90% nur zur Selbstbestätigung der
Forscher da und nicht zwingend notwendig.
10.-11. Woche - Füßchen |
FRAGE: Wo stammen Ihre Embryonen her?
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FRAGE: Wie stehen Sie aufgrund Ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse über den ungeborenen Menschen zur gegenwärtigen gesetzlichen Abtreibungsregelung des § 218 StGB?
Prof. Dr. Blechschmidt: Ich glaube, man muß den § 218 ändern.
Abtreibung müßte wieder verboten sein, denn es gibt keine Indikation
außer der medizinischen im engsten Sinne. Ich weiß allerdings nicht,
ob es praktisch wirklich noch medizinische Indikationen gibt.
11.-12. Woche - Fruchtblase in Hand liegend |
FRAGE: Worin liegen Ihrer Meinung nach die Ursachen, daß das Empfinden für die Unantastbarkeit des Lebens gerade der schwächsten, zartesten und hilfsbedürftigsten Menschen in unserer so fortschrittlichen Gesellschaft verlorengegangen ist, so daß bei uns täglich 1000 ungeborene Kinder umgebracht werden?
Wir sehen ja so ein Kind nicht mehr als Geschenk Gottes, sondern wir wollen es oder wir wollen es nicht, und wir machen es oder machen es nicht, und wenn=s falsch geworden ist - z. B. ein Retortenbaby -, werfen wir=s einfach weg. Das ist vielfach heute die Mentalität. |
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Prof. Dr. med. Erich Blechschmidt, "Wie beginnt das menschliche Leben: vom Ei zum Embryo", Christiana Verlag, Stein am Rhein, 6. Aufl., 1989
Dr. Trautemaria Blechschmidt, "Evolutionstheorie - mehr als eine Hypothese?", Schriftenreihe der Aktion Leben e.V., Heft 8, 1999
(erhältlich bei Aktion Leben e.V.)
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